Gürtelradweg die Zweite!
Heute geht es vom Westbahnhof über’s Wiental zur Eichenstraße! Ist dies eine würdige Hauptradroute? Ich habe wieder viel Wissenswertes ausgegraben!
Gürtelradweg die Zweite!
Heute geht es vom Westbahnhof über’s Wiental zur Eichenstraße! Ist dies eine würdige Hauptradroute? Ich habe wieder viel Wissenswertes ausgegraben!
Hallo, willkommen zur heutigen Beradelung!
Diesmal befinden wir uns am Gaudenzdorfer Gürtel, wo sich die wichtigen Verkehrsverbindungen Gürtel und Wiental treffen. Wir beradeln heute den Gürtel zwischen Westbahnhof und Eichenstraße.
Kommt mit!
Zuerst der Blick auf die Karte:
Der Gürtel geht in einem Halbkreis um die westlichen inneren Bezirke herum, es schließen die äußeren Bezirke an. Der ganze Gürtel ist zu lange für eine Beradelung, ich beradle ihn also in Abschnitten.
Jetzt im Detail:
Wir starten an der Mariahilfer Straße beim Westbahnhof, fahren nach Süden und passieren dabei die U6 Station Gumpendorfer Straße und die U4 Station Margaretengürtel. Unser Ziel ist die Eichenstraße, wo der Gürtel nach Osten verschwenkt.
Und dann fahren wir das Ganze wieder zurück, weil die Gegenrichtung immer anders aussieht und die Problemstellen andere sind.
Wir fahren an den inneren Bezirken 6 Mariahilf und 5 Margareten, sowie den äußeren Bezirken 15 Rudolfsheim-Fünfhaus und 12 Meidling entlang
Die wichtigsten Verbindungen:
Im Norden geht der Gürtelradweg weiter, wo noch heuer im Juni ein wichtiger Lückenschluss folgen wird. Die Mariahilfer Straße ist natürlich auch eine wichtige Ost-West Verbindung.
Im Süden der Gürtelradweg bzw. seine Ausweichstrecke.
Auf die anderen Verbindungen werde ich während der Fahrt eingehen.
Wir starten in der Gürtelzone bei der Mariahilfer Straße. Die sehen wir vor uns. Wir fahren aber gleich rechts.
Wir befinden uns auf einem Zweirichtungsradweg mit ca. 2,5 Metern Breite. Das entspricht Ausbaustufe C laut Richtlinie und ist damit nicht mehr State-of-the-Art. Hier handelt es sich ja um eine überregionale Verbindung, d.h. eine Breite von 4 Metern wäre wünschenswert. Das würde auch das Nebeneinanderfahren ermöglichen – wichtig wenn man mit Kindern unterwegs ist.
Unsere gesamte Strecke führt entlang der Straßenbahnlinien 6 und 18.
Über die Kurzgasse können wir in den nordwestlichen 6. Bezirk fahren.
Der Lärm und Gestank der Autos am Gürtel ist unerträglich. Das hat schwere gesundheitliche Folgen, vor allem für Anwohnys. Eine Verkehrsberuhigung am Gürtel wäre also extrem wichtig.
An der Kirche Maria vom Siege vorbei, gibt es eine Radverbindung zur äußeren Mariahilfer Straße – ein guter Abschneider!
Und gleich noch eine Verbindung in den 6. Bezirk, die Mittelgasse.
Hinter der Mauer rechts kommt die U6 aus dem Untergrund. Über deren Geschichte und der Stadtbahn die vorher hier fuhr, habe ich schon meiner ersten Gürtelberadelung berichtet. Link in der Videobeschreibung!
Rechts sehen wir die U6 Station Gumpendorfer Straße, eine der historischen Stadtbahnstationen von Otto Wagner.
Nach links geht es zur Gumpendorfer Straße, die eigentlich auch die Funktion einer Radroute hat. Wie man hier abbiegen soll ist nicht klar geregelt, außerdem wirkt sie nicht sicher.
Nach rechts geht es zur Sechshauser Straße. Dort gibt es zwar abschnittsweise Mehrzweckstreifen, ich finde es aber sehr unangenehm dort zu fahren.
Hier sehen wir eine wichtige Nebenverwendung der getrennten Gleiskörper: Als Notfallspur für die Einsatzkräfte, die damit an Staus vorbeifahren können.
Ein echtes Problem, dass es nicht mehr am ganzen Gürtel Gleise gibt, dadurch ist auch diese Notfallspur weggefallen.
Nach links geht es zur Wallgasse und weiter zur Radroute Mollardgasse. Die habe ich heuer schon beradelt, Link in der Videobeschreibung!
Wir erreichen den niedrigsten Abschnitt unserer Strecke, das Wiental. Unter uns – nicht zu sehen – fließt der Wienfluss.
Die Linke Wienzeile – entlang dem nördlichen Ufer - ist eine wichtige Route für den Kfz-Verkehr. Sie ist Teil der B1, einer Landesstraße B – Bundesstraßen sind ja nur noch Autobahnen und Schnellstraßen.
Nach rechts führt der Wientalradweg nach Hütteldorf. Unser Weg geht jetzt ein Stück gemeinsam mit dem Wientalradweg stadteinwärts.
Eigentlich sollte hier die Stadtwildnis Gaudenzdorfer Gürtel sein, derzeit wird der Raum von einer Baustelle eingenommen. Unter dem Wienfluss wird ein Entlastungstunnel für die Abwasserkanäle gegraben. Der bestehende Tunnel zwischen Pilgramgasse und Stadtpark wird um 9 Kilometer bis Auhof verlängert. Das bunte Infocenter „Über Unten“ informiert darüber.
Vor uns sehen wir das Stationsgebäude der U4 Station Margaretengürtel. Auch dieses ist ein historisches Stadtbahngebäude der Wientallinie von Otto Wagner, eröffnet 1899.
Nach links zweigt der Wientalradweg ab. Hier geht es zum Zentrum Wiens.
Leider befinden wir uns jetzt auf einem gemischten Geh- und Radweg, was viele Konflikte verursacht. Hauptradrouten sollten nicht als gemischte Wege geführt werden!
Die Schönbrunnerstraße, die Gegenrichtung der B1 in Richtung Stadtzentrum.
Hier übrigens eine schönes Beispiel einer gemischten Rad- und Gehweg-Querung, die erst mit der 30. StVO-Novelle im Jahr 2019 eingeführt wurde: Das sogenannte „Leitermodell“, weil es Zebrastreifen innen und Blockmarkierung für den Radweg außen vereint.
Für gemischte Wege sicherlich ein Fortschritt, allerdings sollte dieser Weg trotzdem getrennt geführt werden, da es sich ja um eine Hauptradroute handelt.
Ab jetzt geht es wieder bergauf!
Wir sehen, dass auf diesem Weg deutlich weniger Verkehr herrscht als in anderen Abschnitten. Das hat sicher damit zu tun, dass die Anbindung an Hauptbahnhof und Favoriten noch so lückenhaft ist.
Ein Wiener Wäldchen – klein aber oho. Hier haben nur Pflanzen und Tiere Zutritt. Sie tragen zur Biodiversität bei und helfen die Temperatur der direkten Umgebung zu senken.
Margaretenstraße – Arndtstraße ist eine wichtige Radroute, die ich sicher einmal portraitieren werde!
Links und rechts des Gürtels kommen wir jetzt zu einigen großen Gemeindebauten aus der Hochzeit des roten Wien in den 1920er Jahren.
Die damals neuen Gemeindebauten waren ein Symbol des sozialistischen Erfolgs, da sie den Arbeiterys und sozial benachteiligten Gruppen endlich adäquaten Wohnraum bieteten.
Diese großen Höfe wurden während der Februarkämpfe 1934 zu Schauplätzen heftiger Auseinandersetzungen zwischen der autoritären Regierung, die im Jahr zuvor unter Führung der Vaterländischen Front das Parlament ausgeschalten hatte, und dem sozialdemokratischen Schutzbund.
Am 12. Februar 1934 trat ein Generalstreik in Kraft. Die Regierung reagierte mit massivem Einsatz von Polizei und Militär.
Links sehen wir jetzt den nach Jakob Reumann, dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister von Wien benannten Reumannhof, gebaut 1924 bis 26 mit knapp 500 Wohnungen.
Er war einer der Hauptstützpunkte des Schutzbundes.
Die Regierung setzte sich bis 15. Februar durch. Es starben einige hundert Menschen und viele wurden verwundet.
Wir kommen zur Flurschützstraße, wo die Linie 62 und die Badner Bahn verkehren. Stadteinwärts führt die Siebenbrunnengasse.
Die Bahnen – auch die Linien 6 und 18 – verkehren ab hier entlang des Gürtels seit 1969 unterirdisch. Wir sehen eine Flexity-Tram die Rampe hinaufkommen.
Der Metzleinstaler Hof gleich links, der erste „echte“ Gemeindebau in Wien mit 240 Wohnungen. Der erste Bauteil wurde bereits 1920 fertiggestellt. Benannt ist er nach dem Flurnamen Metzleinstal, der später zu Matzleinsdorf wurde.
Danach kommt noch der Herweghhof, erbaut 1926/27 mit 220 Wohnungen. Georg Herwegh 1817-1875 war politischer Lyriker und Freiheitsdichter.
Nach rechts geht es zur Eichenstraße, wo im Sommer 2024 eine Protected Bike Lane eingerichtet wurde. Zu dieser habe ich meine erste Beradelung gefilmt.
Jetzt folgt eine Slalomfahrt, wo wir durch die Verknüpfung der Fahrbahnen zwischen Gürtel und Eichenstraße navigieren müssen. Unangenehm, außerdem sind diese gemischten Geh- und Radwege extrem schmal.
Wie es hier weitergeht, werden wir uns in einer anderen Beradelung ansehen. Spoiler: nicht besser.
Bevor wir uns auf den Rückweg machen, ein kurzer Blick auf das Hauptradverkehrsnetz.
Die Route ist dick-blau, d.h. es ist eine umgesetzte Route des Basisnetzes, der höchsten Kategorie.
Im aktuellen Konzept der Rad-Highways kommt der Gürtelradweg leider gar nicht vor, dabei wären tangtiale Verbindungen sehr wichtig.
Und dann fahren wir wieder zurück!
Geradeaus geht es zur Fendigasse, auch eine gute Möglichkeit um nach oder durch Margareten zu radeln.
An diesen Wegen können wir schön sehen, dass Geh- und Radverkehr nur nachträglich auf Restflächen hinzugeplant wurden.
Die Kirche Maria Empfängnis, die wir links sehen, wurde nach dem zweiten Weltkrieg neu gebaut, da das vorige Bauwerk aus dem Jahr 1905 während des Kriegs durch Bomben zerstört wurde.
„Wohnen seit 1919“ – ein Denkmal von Marko Lulić, das an den sozialen Wohnbau in Wien – im Besonderen die Gemeindebauten – erinnert. Errichtet zum 100jährigen Jubiläum.
Die Strecke Flurschützstraße – Siebenbrunnengasse ist auch eine wichtige Radroute. Wenn ihr deren Beradelung nicht versäumen wollt, dann abonniert doch meinen Kanal!
Links sehen wir den Haydnpark, der bis 1924 der Hundsturmer Friedhof war. Joseph Haydn wurde auf dem Friedhof nach seinem Tod im Jahr 1809 beigesetzt. Nach der Auflassung wurde der Friedhof zu einer Gartenanlage umgestaltet, der Grabstein von Joseph Haydn verblieb allerdings und wurde zu einem Denkmal umgestaltet.
Das Gebäude linkst ist auch ein Gemeindebau: der Leopoldine-Glöckel-Hof – benannt nach der Frauenrechtlerin und sozialdemokratischen Politikerin Leopoldine Glöckel (1871-1937). Ein Name der uns übrigens schon in meiner letzten Beradelung untergekommen ist, als Namensgeberin eines Weges. Der Hof wurde Anfang der 1930 Jahre gebaut und hat über 300 Wohnungen.
Die Benennung erfolgte zum 15. Jahrestag der Februarkämpfe am 12. Februar 1949. Leopoldine Glöckel war auch bei den Februarkämpfen festgenommen worden und für eineinhalb Monate inhaftiert.
Und noch ein Gemeindebau links, der Haydnhof, gebaut 1928/29 mit über 300 Wohnungen.
In diesem Bereich wurde die Gürtel-Parkanlage im Jahr 2019 Stefan-Weber-Park benannt. Stefan Weber 1946-2018 war Kunsterzieher, Aktionist und Musiker. Die meisten Menschen kennen ihn als den Frontsänger der Underground-Rock-Punk-Gruppe Drahdiwaberl.
Seht ihr dieses Ding rechts, das wie eine Tankstelle aussieht? Es handelt sich um die Skulptur „Tanke 24/7“ der Hamburgerin Toni Schmale aus dem Jahr 2021. Ist die Tankstelle noch nicht fertiggestellt, oder ist sie Zeichen von etwas Vergangenem? Ist es ein Rohbau oder eine Ruine? Auf jeden Fall ist es ein Ort zum sich Treffen, Nachdenken und Energie tanken.
„freedom“ – ein Kunstwerk der Gruppe Assocreation aus dem Jahr 2005. Hier, im Käfig zwischen den Gürtelfahrbahnen kann man schon ein bisschen Freiheit brauchen ;-)
Die Wegweiser hier könnten Vorbildfunktion haben, sie zeigen für jede Route Routenname und zwei wichtige Ziele. Warum ist das nicht bei allen Routen so?
Hier sehen wir gut die Probleme durch den gemischten Weg.
Die Richtlinien empfehlen diese nur bei maximal 30 Fußgehys pro Stunde.
Hier, wo der Gürtel auf das Wiental trifft, hätte eigentlich das Kreuz der Autobahnen A1 – der Westautobahn – und der A20 – der Gürtelautobahn gebaut werden sollen. Die Kilometrierung der A1 beginnt tatsächlich hier.
Über die A20 habe ich schon meiner ersten Gürtel-Beradelung erzählt. Link in der Videobeschreibung.
Vor uns sehen wir die aus mehreren Teilbrücke bestenden Wientalbrücke der U6, ca. 1895 für die Stadtbahn gebaut, im für Otto Wagner typischen Jugendstil.
In den 1980er Jahren wäre sie beinahe abgebrochen worden, als die neue Station Längenfeldgasse gebaut wurde. Nach regem Widerspruch entschied man sich für die Beibehaltung und plante die Station um.
Nach links kommt man zu einer Verbindung zur Ullmannstraße, die eine wichtige Radroute im südlichen 15. Bezirk ist.
Seht ihr das Eck in der Mauer vor der Station Gumpendorfer Straße? Dies ist der Beginn einer Abzweigung der Stadtbahn nach Matzleinsdorf, die dann aber nie gebaut wurde.
Nördlich der Station, wo Stadtbahn und Straßenbahn auf gleichem Niveau sind, wurde im Jahr 1925 eine Verbindung in Betrieb genommen. Dort verkehrte sodann die Linie 18G: Zwischen Ost- bzw. Südbahnhof und Gumpendorfer Straße als Straßenbahn, weiter als Stadtbahn bis Heiligenstadt.
Manche Züge wurden auch nach der Alser Straße beim Betriebsbahnhof Michelbeuern kurzgeführt, wo in der Schleife einige Straßenbahnstationen eingehalten wurden.
Wegen Kriegsschäden wurde die Linie 1945 eingestellt und dann nicht mehr in Betrieb genommen.
Markant die Kirche Maria vom Siege, gebaut in den 1870ern im Stil der historistischen Neufrühgotik als römisch-katholische Pfarrkirche. Im Jahr 2015 wurde sie der koptisch-orthodoxen Kirche geschenkt.
Gefilmt habe ich die Strecke im April vor der Gemeinderatswahl 2025, darum stehen hier Wahlplakate der verschiedenen Partein.
Obwohl es hier nur sehr vereinzelt querenden Kfz-Verkehr gibt, dadurch, dass die Kreuzung in den Gürtel eingebettet ist, verursacht sie lange Ampelwartezeiten.
Während ich schon am Bearbeiten dieses Videos war, wurde eine
bedeutende Änderung beim Westbahnhof bekanntgegeben. Noch im Juni wird ein Fahrstreifen am inneren Gürtel zu einem Zweirichtungsradweg, so wie es viele Initiativen seit Jahrzehnten fordern! Dazu werde ich dann eine Sonder-Beradelung filmen.
Wir kommen wieder zur Mariahilfer Straße. Zuerst queren wir noch die Obeliskenschleife der Straßenbahn.
Nach rechts geht es zur inneren Mariahilfer Straße, geradeaus zu dem erwähnten neuen Radweg.
Den Gürtelradweg ab hier habe ich bereits beradelt. Bis ich die äußere Mariahilfer Straße beradeln kann, werden noch ein paar Jahre vergehen.
Mein abschließendes Fazit:
Wir haben gesehen, dass die Wege für eine so überregional wichtige Verbindung zu schmal sind und in großen Abschnitten gemischt mit dem Fußverkehr geführt werden. Ein Ausbau wäre also notwendig, wenn ich auch andere Strecken wichtiger fände. Zum Beispiel den anschließenden Abschnitt zwischen Eichenstraße und Hauptbahnhof, wo es noch keinen direkten Radweg gibt und wir auf Nebenstraßen ausweichen müssen. Das werden wir sicherlich bald beradeln!
Fährt ihr auch öfter am Gürtel? Wie findet ihr die Bedingungen? Habt ihr Ideen für Verbesserungen? Dann schreibt doch euren Bezirksvorstehys. Erwartet keine schnellen Änderungen, aber steter Tropfen höhlt den Stein.
Außerdem empfehle ich, Mitglied bei der Radlobby zu werden. Die Radlobby ist ein Verein, der sich auf verschiedenen Ebenen für bessere Bedingungen für das Radfahren einsetzt. Mit eurer Mitgliedschaft habt ihr verschiedene Vorteile wie Rechtsschutz-, Unfall- und Haftpflichtversicherung. Außerdem bekommt ihr jedes Quartal den Drahtesel - das österreichische Fahrradmagazin – zugesendet.
Danke, dass ihr bis zum Schluss des Videos dabeigeblieben seid. Wenn ihr die nächste Beradelung nicht versäumen wollt, dann abonniert doch meinen Kanal!